INTERVIEW. Am heutigen 01. Dezember ist der Weltaidstag. Marcel Dams ist bekannt als “Vorstadtclown”, ist 21 Jahre alt und kommt aus der nordrhein-westfälischen Stadt Essen. Im Jahr 2009 hat Marcel erfahren, dass er HIV-positiv ist. “Nach meiner Infektion habe ich erstmal ein großes Gefühlschaos durchlaufen und mir die Zeit damit vertrieben im Netz nach Informationen zu dem umfangreichem Thema HIV & AIDS zu finden”, erklärt Marcel. Er bloggt im Netz unter dem Namen “Vorstadtclown” und klärt über HIV und AIDS auf.
Im Sommer 2009 hast du erfahren, dass du HIV-Positiv bist. Wie bist du in dem Moment damit umgegangen? Was hast du als erstes gedacht und was war deine erste Reaktion?
Es gab eigentlich keine wirkliche Reaktion, weil ich in dem Moment, als ich es gesagt bekommen habe, nicht realisiert habe, was das bedeutet. Ich habe innerlich eine Leere gefühlt, man kann sagen kein schönes Gefühl, aber man kann es auch nicht definieren, weil es eben so “leer” war. Erst nach ein paar Tagen oder Wochen, kam dann eine Reaktion, ich bin quasi in ein Loch gefallen.
Weshalb hast du einen HIV-Test gemacht? Hattest du ein Gefühl, dass du dich angesteckt hast?
Ich habe den Test gezielt gemacht, weil ich ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte und ca. 2-3 Wochen danach Grippeähnliche Symptome, wie Fieber, Schüttelfrost, Nachtschweiß und was man als normaler Mensch sonst noch unter einer Grippe versteht. Dazu kam eine Mundschleimhautentzündung, die sich durch angeschwollene Lymphknoten bemerkbar machte. Da ich wusste, dass dies nach einer Infektion die ersten Anzeichen sein können, aber nicht müssen, habe ich den Test gemacht, um Gewissheit zu bekommen.
Du bloggst im Netz „positiv“: Du schilderst deine Erfahrungen und klärst über HIV auf. Viele HIV-Positive schweigen. Warum hast du dich entschieden, mit dem Thema in die Öffentlichkeit zu gehen?
Nach meiner Infektion habe ich erstmal ein großes Gefühlchaos durchlaufen und mir die Zeit damit vertrieben im Netz nach Informationen zu dem umfangreichem Thema HIV & AIDS zu finden. Dabei bin ich auf unglaublich viele Einträge gestoßen, in denen HIV als unmoralisch, unheimlich, ekelhaft und vorurteilsbehaftet gilt. Das reichte von „Schwulenkrankheit“, über Vorschläge HIV-Positive wegzusperren, damit sie niemanden mehr anstecken können bis zur Feststellung, dass Betroffene immer selber Schuld seien und somit keine Hilfe verdient haben.
Ich wollte eine Plattform schaffen, die zu Diskussionen anregt, Vorurteile hinterfragt, anderen Betroffenen Mut macht sich selbst nicht als „wertlos“ zu sehen und Menschen die nicht betroffen sind dazu bringt, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, damit sie nicht den selben Fehler machen wie ich!
Dein Blog ist unter dem Namen „Vorstadtclown“ bekannt. Warum der Name?
Ehrlich gesagt habe ich ihn damals unbewusst gewählt, es sollte nur etwas sein, was man sich relativ leicht merken kann. Hätte ich gewusst, dass die Seite irgendwann so bekannt ist, dass man mir in Interviews diese Frage stellt, hätte ich mir was cooleres ausgedacht ;-) Heute würde ich aber sagen, ein Clown ist jemand, der nach außen hin Freude verbreiten will, aber manchmal trotzdem Zeiten hat, in denen es ihm nicht gut geht. So würde ich mich auch beschreiben. Jeder hat schwache Seiten, auch wenn er stark oder fröhlich wirkt.
Wie reagieren die User auf die Thematik, dass du dich öffentlich als HIV-Positiver zeigst? Es wurde berichtet, dass du auch bedroht wurdest.
Es gibt von vorne bis hinten jede Reaktion. Einige reagieren gut, andere schlecht, einige sind sachlich andere emotional aufgewühlt. Der Großteil reagiert aber positiv, zumindest die die mich wissen lassen, wie sie darüber denken. Es gibt auch Leute, die einen mit Phrasen wie “Dir muss man Einhalt gebieten, Vorbereitungen dazu sind im Gange” Angst machen wollen, aber ich versuche mich nicht davon beeindrucken zu lassen. Mein Blog hat nicht umsonst den Untertitel “Selbstbewusstsein ist das beste Accessoir”.
Wie sind deine Freunde und deine Familie damit umgegangen, dass du HIV-Positiv bist?
Überraschend gut! Ich habe am Anfang ziemliche Angst vor den Reaktionen gehabt, aber es gab niemanden der mich nicht unterstützt hat. Klar ist auch, dass einige Freunde Zeit brauchten, aber das finde ich vollkommen ok. Wer sich nicht mit dem Thema auskennt, macht sich halt Gedanken. Daher habe ich gerne die Zeit gegeben, um sich entsprechende Infos zu holen und mit der Zeit wurde es Alltag. Bei meinen Eltern war es quasi genau so, die Angst, dass ich morgen sterben würde ist schnell gewichen, als wir zusammen bei der AIDS-Hilfe waren und diese genau erklärt hat, dass man bei frühzeitigem Erkennen eine gute Lebenserwartung hat.
Wenn viele junge Menschen das Wort „HIV positiv“ hören, dann wird das sofort in Verbindung damit gebracht, dass man sich mit AIDS infiziert hat. Klären die Medien zu wenig auf?
Sind es vermehrt die “jungen” Menschen? Ich kenne auch viele ältere, die den Unterschied zwischen HIV und Aids nicht kennen. Das liegt zum Teil auch an den Medien, die z. B. schreiben das Nadja Benaissa Aids habe, obwohl dies nicht der Fall ist. Sie klären also nicht nur zu wenig auf, sondern oftmals auch falsch.
Die Medizin ist weit fortgeschritten. Laut Medienberichten soll es neuerdings sogar eine Pille geben, um die Ansteckung einer HIV-Infektion zu verringern. Es wird oft berichtet, dass die Medikamente Nebenwirkungen mit sich bringen. Welche Erfahrungen hast du gemacht?
Ich mache derzeit keine Therapie, da ich noch gute Blutwerte habe, daher habe ich noch keine Erfahrungen damit sammeln können, ich weiß aber von einigen anderen “Jungpositiven” (das sind Menschen bis 30 Jahre mit HIV), dass sie kaum Nebenwirkungen haben. Trotzdem kann sich das mit der Zeit ändern und ich kenne leider auch viele Langzeitpositive, die schlimme Erfahrungen machen mussten. Man sollte das nicht unterschätzen. Es kann ein harter Weg sein.
Junge Menschen gehen oft das Risiko ein und haben ungeschützten Geschlechtsverkehr. Warum? Ist es einfach nur die Lust an einem „Abenteuer“ oder ist vielen das Thema HIV „egal“?
Dafür gibt es keine Pauschalantwort, weil jeder eine individuelle Geschichte hat. Einige werden nicht gut genug aufgeklärt, andere sind es, handeln aber, wie ich, aus Vertrauen anders, weil sie glauben der Partner will einem nichts böses und wieder andere sind vielleicht einfach nur naiv, nach dem Motto: Mich trifft es eh nicht.
Du bist ein neues Rollenmodell für die Kampagne „Ich weiss, was ich tu“. Wie kam es dazu?
Die ensprechenden Mitarbeiter der AIDS-Hilfe sind auf mich und meinen Blog aufmerksam geworden, fanden meine Geschichte interessant und haben mich dann gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit dieser in der Kampagne mitzumachen. Die Idee, meine Geschichte zu veröffentlichen um anderen ein anschauliches Beispiel zu sein, fand ich sofort toll.
Sind im nächsten Jahr weitere Aktivitäten mit IWWIT geplant?
Mit Sicherheit! Die Rollenmodelle (Das sind die Menschen, die in den Anzeigen der Kampagne zu sehen sind) und die Präventionisten der Kampagne, fahren immer auf Christoher Street Days, verteilen dort Kondome, machen die Kampagne bekannter und bieten Informationsmaterial an. Ich werde auch wieder auf einigen CSD´s vertreten sein, auf welchen weiß ich aber noch nicht, dafür ist es zu früh. Des weiteren werden wir auch an Medien vermittelt, wer weiß was da noch kommt.
Du bloggst und du engagierst dich. Hast du überhaupt noch Zeit für Dich? Wie gestaltest du dein Privatleben? Was machst du in deiner Freizeit?
Ja habe ich, weil ich mir bewusst Freiräume schaffe, das heißt, wenn ich z. B. bei meinen Eltern bin, dann bin ich auch vom Kopf her dort und nicht beim Engagement. Oder wenn ich am Wochenende bei Freunden in Köln bin, dann wird eben von Freitags bis Sonntags mal kein Blog geschrieben und keine Mails beantwortet. Ich entscheide selber, wann ich schreibe oder alles was damit zu tun hat mache. Der Blog ist übrigens eine Freizeitaktivität und quasi ein tolles Hobby, ansonsten mag ich “Gesellschaft”. Ausgehen, mit Freunden DVD schauen, Karaoke… das sind alles Dinge, die ich gerne mache.
Du wohnst in Essen und bist oft in Köln. Ist Köln dein zweites zu Hause?
Das würde ich einfach mal mit Ja beantworten, wobei ich daran arbeite nach Köln umzuziehen. Das wird wohl im Laufe des nächsten Jahres geschehen. Ich mag die Stadt, meine Freunde leben dort und ich fühle mich in Köln wohl.
Unsere letzte Frage. Wie verbringst du das Weihnachtsfest in diesem Jahr?
Es gab bisher kein Jahr in meinem Leben, welches ich an Heiligabend nicht mit meiner Familie verbracht habe und daran wird sich auch dieses Jahr nichts ändern. Die beiden Weihnachtsfeiertage werde ich mich mit Freunden treffen, gemeinsam backen oder kochen und Geschenke austauschen.
INFOS | Die Fragen an Ehrhart Körting stellte Oliver Stangl | Text und Bild: © “Ich weiß was ich tu” | Website: IWWIT.de | Marcel Dams: Vorstadtclown.de | ALLE INFOS auch bei KUKKSI.de | Werbung: Für die Inhalte der Anzeigen in der Berichterstattung ist nicht KUKKSI verantwortlich.